Oma

Für meine Mutter war ich, das ist sicher auch dir klar, nur das Mittel zum Zweck. Ich war die Chance, die Möglichkeit ihrem, Gefängnis zu entkommen.
Ich kann sie verstehen.

Wie ich weiß, hat meine Mutter noch während der Schwangerschaft mehrfach versucht mich wieder "los" zu werden, aber genauso hartnäckig wie ich heute bin, war ich es schon zu meinen jüngsten Zeiten. Ich wollte unbedingt in dieses Leben und blieb.

Mit meiner Geburt wurde meiner Mutter wohl klar, dass so ein Kind fürchterlich viel Arbeit macht und sie von dem eigentlichen Leben, welches sie für sich und meinen Vater in ihren Träumen sah, abhielt.
Lieben konnte oder wollte sie mich nicht, dass ist ein Fakt. Was genau es war wird sich heute nicht mehr zur Gänze klären lassen, aber das tut ja auch nichts wirklich zur Sache.

Mein Vater war da irgendwie pflichtbewusster und liebte mich, auch wenn ich natürlich nicht der Traum seiner schlaflosen Nächte war, so war er doch gerne Vater. Schwierig war nur das alles unter einen Hut zu bekommen. Nachts um 1 stand er auf und ging zur Arbeit in die Bäckerei, mittags gegen 12 kam er nach Hause und wollte schlafen. 
Meine Mutter ging nach 6 Wochen wieder zur Arbeit in den Friseursalon, so dass das Balg von irgendwem betreut werden musste.

Wir wohnten zu diesem Zeitpunkt in einer, in meinen Erinnerungen, wunderschönen Berliner Altbau Offizierswohnung, mit einem eigenen Zimmer für Dienstmädchen und einer Küche für die Bediensteten.

Kurzerhand wurde die alleinstehende Mutter meines Vaters umquartiert und bekam eines der vielen Zimmer in unserer Wohnung, denn auch wenn meine Mutter eine tiefe Abneigung gegen meine Oma hegte, so war ihr Wunsch nach Freiheit und Unabhängigkeit doch größer, als die Perspektive, ihre Berufstätigkeit aufgeben zu müssen und an den Wochenenden nicht mehr mit meinem Vater in den Clubs zu sein.

Fortan war ich also ein Omakind und ich liebte meine Oma von ganzem Herzen. Nie wieder habe ich einen Menschen so sehr geliebt. Und meine kleine süße Oma liebte mich. Aus tiefstem Herzen und in all ihrer Warmherzigheit, ihrer zauberhaften Güte und dem Glitzern in ihren Augen.