Eric

Am 02. Mörz 1968 wurde ich die große Schwester meines Bruders Eric.

Erich war das Wunschkind meiner Mutter.

Eric war zart, sensibel und er hatte ein riesiges Feuermal, was seine kompletten linken Gesichtshälfte und auch ein Teil seines Oberkörpers bedeckte. Er war das ganze Gegenteil von mir. Ich war das pummelige Alete Kind mit den Speckrollen an Armen und Beinen, das immer etwas zu Essen in den Händen hielt und aussah wie ein kleiner verfressener Hamster.

Er wurde gehegt und gepflegt und aufgrund seiner "Erkrankung" natürlich auch in Watte gepackt. Verständlich und es war völlig ok für mich, denn ich hatte ja meine Oma und meinen Papa.

Und dann, eines Tages, wir waren bei der Mutter meiner Mutter, also meiner anderen Oma, der in der ehemaligen DDR, zu Besuch bekam das Leben meiner Familie plötzlich einen sehr unangenehmen Beigeschmack.

Diese Oma hatte zusammen mit ihrem "neuen" Mann eine Gaststätte. Sie wohnten über der Gaststätte und die Treppe nach oben, die auch in den "Saal" führte, war lang und steil. Wirklich steil. 

Mein Onkel und meine Tante, die beiden jüngeren Geschwister meiner Mutter waren auch dort, meine Eltern und meine Großeltern waren alle unten, während mein Bruder und ich oben waren.
Ich erinnere mich aber daran, dass wir von meiner Mutter nach oben gebracht wurden, vermutlich um zu spielen. Ich höre noch wie sie zu mir sagt: "Christine, wenn ihr wieder herunter kommt, dann halte Eric gut fest!" Ich war ca. 3 - 3,5 Jahre alt. Mein Bruder konnte gerade laufen.

Der Rest der Geschichte hat sich in mein Hirn eingebrannt. Ich kann den Film vorwärts und rückwärts ablaufen lassen, er ändert sich nicht. Er bekommt keine neue Nuance, keinen anderen Ausgang.

Eric wollte nach unten zu unserer Mutter, also nahm ich ihn an die Hand, ich sagte ihm sogar noch, dass er sich an dem Handlauf mit der einen Hand und an mir mit der anderen Hand festhalten sollte. Ich hielt ihn ganz fest und trotzdem konnte er sich losreißen. Er rief: "Ich kann das alleine", riss seine kleine Hand aus meiner, stolperte über seine Füße und purzelte die ganze Treppe herunter. 

Ich stand auf der 3. Stufe und schrie um mein Leben. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis die Tür aus dem Gastraum aufging und ein Erwachsener erschien. 

Mein kleiner Bruder lag unten und blutete. Er blutete aus dem Mund, der Nase, den Ohren...

Durch das Feuermal lagen seine Blutgefäße ganz dicht unter seiner Hautoberfläche und beim geringsten Anlass platzten diese Gefäße und er blutete sofort und ganz stark.

Ich stand da und schrie. 

Meine Mutter kam und brüllte mich von unten an, ich solle in mein Zimmer verschwinden.

Dann war mein Bruder weg und es wurde still im Haus.

Die Feuerwehr kam und holte ihn und brachte ihn in ein Krankenhaus, in dem er sehr lange blieb. Er wurde gerettet und kam nach einiger Zeit wieder zu uns nach Hause.